Wissen
Pflegesessel oder Aufstehsessel? Der Unterschied zwischen Pflegehilfsmittel und Wohnzimmermöbel
Ein Aufstehsessel ist ein Wohnzimmermöbel, das beim Aufstehen hilft. Ein Pflegesessel im engeren Sinn ist ein Sitz, der die Pflege erleichtert – oft fahrbar, mit Bremsen und verstellbarer Sitzeinheit. Das Hilfsmittelverzeichnis kennt das Wort „Pflegesessel“ nicht, wohl aber Rollstühle mit Sitzkantelung und spezielle Sitzhilfen als Pflegehilfsmittel. Fernsehsessel schließt es ausdrücklich aus.
Die kurze Antwort
„Pflegesessel“ ist ein Begriff aus dem Handel. Als Pflegehilfsmittel führt das Hilfsmittelverzeichnis Rollstühle mit Sitzkantelung, die Pflegebedürftige über längere Zeit außerhalb des Bettes lagern, und Sitzhilfen bei Chorea Huntington. Sogenannte Fernsehsessel fallen dort ausdrücklich nicht in die Leistungspflicht der Pflegeversicherung. Wer selbst aufstehen kann und Hilfe dabei braucht, ist mit einem Aufstehsessel meist richtig.
Die kurze Antwort
Im Alltag werden „Pflegesessel“, „Aufstehsessel“ und „Seniorensessel“ oft durcheinander verwendet. Für deine Entscheidung und für die Frage, wer zahlt, ist der Unterschied aber wichtig.
Ein Pflegesessel dagegen ist für eine andere Lage gedacht: Die Person sitzt lange, wird gepflegt und oft von einer Pflegeperson bewegt. Er soll die Pflege leichter machen, nicht das selbstständige Aufstehen.
Was das Hilfsmittelverzeichnis sagt
Das Wort „Pflegesessel“ haben wir in den Produktgruppen 22 „Mobilitätshilfen“ und 50 „Pflegehilfsmittel zur Erleichterung der Pflege“ des GKV-Hilfsmittelverzeichnisses nicht gefunden. Es ist ein Begriff aus dem Handel. Das Verzeichnis kennt aber Produkte, die genau diesen Zweck erfüllen.
Produktgruppe 50, Fortschreibung vom 03.12.2024:
- Rollstühle mit Sitzkantelung (Produktuntergruppe 50.45.07). Sie gelten als Pflegehilfsmittel, wenn sie dazu dienen, Pflegebedürftige zu transportieren oder über längere Zeit außerhalb des Bettes zu lagern.
- Sitzhilfen bei Chorea Huntington (Produktart 50.45.06.1). Das sind laut Verzeichnis spezielle Sessel, die bei Bewegungsunruhe ein sicheres Sitzen ermöglichen. Indikation sind ausgeprägte Bewegungsstörungen bei Morbus Huntington, wenn übliche Sitzmöbel nicht genutzt werden können.
Im selben Abschnitt steht ein klarer Satz: „Sogenannte Fernsehsessel fallen nicht in die Leistungspflicht der Pflegeversicherung.“
Produktgruppe 22, Fortschreibung vom 16.08.2022: Für die Krankenkasse gilt dasselbe. Dort steht: „Aufrichtsessel fallen nicht in die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung, da es sich um Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens handelt.“ Ein Serien-Aufstehsessel ist damit laut Hilfsmittelverzeichnis PG 22 grundsätzlich nicht leistungspflichtig; die Kasse entscheidet im Einzelfall auf Antrag.
Der Unterschied auf einen Blick
| Merkmal | Aufstehsessel | Rollstuhl mit Sitzkantelung | Sitzhilfe bei Chorea Huntington |
|---|---|---|---|
| Zweck | selbst aufstehen, bequem sitzen | Pflegebedürftige lagern und bewegen | sicher sitzen bei Bewegungsunruhe |
| Für wen | Menschen, die mit Hilfe selbst aufstehen | Pflegebedürftige, die transportiert oder länger außerhalb des Bettes gelagert werden | Pflegebedürftige mit ausgeprägten Bewegungsstörungen bei Morbus Huntington |
| Rollen | meist keine | kleine Schwenkrollen vorn, größere Laufräder hinten | bremsbare Schwenkrollen, Schiebegriff |
| Pflegehilfsmittel (PG 50) | nein, Fernsehsessel ausdrücklich nicht | ja, unter Bedingungen | ja, bei der genannten Indikation |
| Wo es ihn gibt | Möbelhandel, online | Sanitätshaus, über die Kasse | Sanitätshaus, über die Kasse |
Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis, Produktgruppen 22 und 50. Rollen und Einsatzzweck stammen aus den Produktarten der Produktgruppe 50.
Rollstuhl mit Sitzkantelung: was das ist
Wer „Pflegesessel mit Rollen“ oder „Pflegesessel mit Liegefunktion“ sucht, landet oft bei genau diesem Produkt. Das Verzeichnis beschreibt die Schieberollstühle mit Sitzkantelung so:
- Sie werden in Innenräumen genutzt.
- Sitz und Rückenlehne sind gepolstert und meist über Gasdruckfedern in der Neigung verstellbar.
- Die ganze Sitzeinheit lässt sich kippen, das heißt Sitzkantelung. Bei den Modellen mit manueller Verstellung kann der Nutzer das in der Regel nicht selbst bedienen.
- Sie sind deutlich schwerer als Standardrollstühle und dienen dem Aufenthalt und der Lagerung, nicht der eigenständigen Fortbewegung.
Für jemanden, der den Tag noch selbst gestaltet und nur beim Aufstehen Hilfe braucht, ist das meist nicht das richtige Möbel.
Wer zahlt was?
Pflegekasse: Pflegebedürftige haben nach § 40 SGB XI Anspruch auf Pflegehilfsmittel, die die Pflege erleichtern, Beschwerden lindern oder eine selbstständigere Lebensführung ermöglichen. Die Pflegekasse leistet aber nur, soweit nicht die Krankenkasse wegen Krankheit oder Behinderung zuständig ist.
Technische Pflegehilfsmittel sollen die Pflegekassen nach § 40 Abs. 3 SGB XI in allen geeigneten Fällen vorrangig leihweise überlassen. Erwachsene zahlen einen Eigenanteil von 10 Prozent der Kosten, mit einer gesetzlichen Obergrenze je Hilfsmittel. Wer eine Leihe ohne zwingenden Grund ablehnt, trägt die Kosten laut Gesetz selbst.
Krankenkasse: Sie zahlt Hilfsmittel nach § 33 SGB V nur, soweit sie keine allgemeinen Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens sind. Für einen Aufstehsessel heißt das: laut Hilfsmittelverzeichnis PG 22 grundsätzlich nicht; die Kasse entscheidet im Einzelfall auf Antrag. Den Weg erklären wir unter Zahlt die Krankenkasse?, die Pflegekasse unter Pflegekasse und Zuschuss.
Welcher Sitz passt zu welcher Lage?
Kann die Person selbst aufstehen, wenn der Sitz hilft?
Dann passt meist ein Aufstehsessel. Er bleibt ein Wohnzimmermöbel und hilft beim Aufstehen und Hinsetzen.Soll der vorhandene Sessel bleiben?
Dann kommt eine Aufstehhilfe zum Nachrüsten in Frage. Sie steht als eigene Produktart im Hilfsmittelverzeichnis. Mehr dazu unter Aufstehhilfe nachrüsten.Sitzt die Person viele Stunden und wird gepflegt?
Dann sprich mit Pflegedienst, Arztpraxis und Pflegekasse über einen Rollstuhl mit Sitzkantelung oder eine andere Lösung aus der Produktgruppe 50.Unsicher?
Lass dich im Sanitätshaus beraten und probesitzen. Den Vergleich der Kaufwege findest du unter Amazon oder Sanitätshaus.
Wenn es ein Aufstehsessel wird
Für Menschen, die noch selbst aufstehen, aber dabei Hilfe brauchen, ist ein Sessel mit Aufstehhilfe oft die würdevollere Lösung: Er sieht aus wie ein normaler Sessel und steht im Wohnzimmer, nicht im Pflegezimmer.
Worauf es beim Kauf ankommt – Sitzhöhe, Motoren, Wandabstand –, steht auf unserer Seite zum Aufstehsessel. Ob ein Aufstehsessel als Möbel oder Medizinprodukt gilt, klärt CE, Medizinprodukt oder Möbel?. Wichtige Begriffe erklärt das Glossar.
Weitere Grundlagen findest du auf der Startseite.
Fragen, die oft gestellt werden
Was ist der Unterschied zwischen Pflegesessel und Aufstehsessel?
Ein Aufstehsessel ist ein Polstersessel mit Motor, der Sitz und Lehne nach vorn oben neigt, damit die sitzende Person selbst aufstehen kann. Ein Pflegesessel soll die Pflege erleichtern: Er ist oft fahrbar, hat Bremsen und eine verstellbare Sitzeinheit. Das Hilfsmittelverzeichnis führt dafür zum Beispiel Rollstühle mit Sitzkantelung als Pflegehilfsmittel.
Zahlt die Pflegekasse einen Pflegesessel?
Für bestimmte Produktarten kann sie zuständig sein: Die Produktgruppe 50 des Hilfsmittelverzeichnisses führt Rollstühle mit Sitzkantelung und Sitzhilfen bei Chorea Huntington als Pflegehilfsmittel. Sogenannte Fernsehsessel fallen dort ausdrücklich nicht in die Leistungspflicht. Die Pflegekasse leistet außerdem nur, wenn nicht die Krankenkasse zuständig ist (§ 40 SGB XI).
Kann man einen Pflegesessel mieten?
Bei der Pflegekasse läuft es oft auf eine Leihe hinaus: Nach § 40 Abs. 3 SGB XI sollen technische Pflegehilfsmittel in allen geeigneten Fällen vorrangig leihweise überlassen werden. Ob es Mietangebote im Handel gibt, hängt vom Sanitätshaus ab. Frag dort nach den Bedingungen.
Gibt es Pflegesessel mit Rollen und Liegefunktion?
Ja. Rollstühle mit Sitzkantelung haben laut Hilfsmittelverzeichnis kleine Schwenkrollen vorn und größere Laufräder hinten, eine in der Neigung verstellbare Sitzeinheit und meist eine Kopfstütze. Sie dienen dem Aufenthalt und der Lagerung, nicht der eigenständigen Fortbewegung. Aufstehsessel für das Wohnzimmer haben meist keine Rollen.
Quellen
- GKV-Spitzenverband: Hilfsmittelverzeichnis, Produktgruppe 50 „Pflegehilfsmittel zur Erleichterung der Pflege“, Fortschreibung vom 03.12.2024 (PDF)
- GKV-Spitzenverband: Hilfsmittelverzeichnis, Produktgruppe 22 „Mobilitätshilfen“, Fortschreibung vom 16.08.2022 (PDF)
- § 40 SGB XI – Pflegehilfsmittel und wohnumfeldverbessernde Maßnahmen (gesetze-im-internet.de)
- § 33 SGB V – Hilfsmittel (gesetze-im-internet.de)
Gut zu lesen als Nächstes
- KaufberatungAufstehsesselElektrischer Aufstehsessel: was ihn von Relax-, Pflegesessel und Hebehilfe unterscheidet, welche Maße zählen und welches Modell wir empfehlen – mit Herstellerdaten.
- WissenKrankenkasseZahlt die Krankenkasse einen Sessel mit Aufstehhilfe? Laut Hilfsmittelverzeichnis grundsätzlich nicht. Wann ein Antrag trotzdem Sinn hat und wie er geht.
- Frage & AntwortZahlt die Pflegekasse einen Aufstehsessel? Pflegehilfsmittel, Wohnumfeld-Zuschuss und EntlastungsbetragZahlt die Pflegekasse einen Sessel mit Aufstehhilfe? Was § 40 und § 45b SGB XI sagen – und warum Wohnumfeld-Zuschuss und Entlastungsbetrag nicht passen.
- KaufberatungAufstehhilfe nachrüstenAufstehhilfe am vorhandenen Sessel nachrüsten: elektrischer Hubrahmen aus dem Sanitätshaus, feste Sitzerhöhung oder neuer Aufstehsessel – was wann passt.
- VergleichAmazon oder SanitätshausAufstehsessel von Amazon oder aus dem Sanitätshaus? Probesitzen, Beratung, Widerrufsrecht, Lieferung und Kasse im Vergleich – mit klarer Empfehlung, wann was passt.
Wer hier schreibt
Redaktion sessel-mit-aufstehhilfe.de
Kaufberatung für Sessel mit Aufstehhilfe
Wir sind die Redaktion von sessel-mit-aufstehhilfe.de. Wir werten Herstellerangaben, Anleitungen, Gesetzestexte und Behördenquellen aus und erklären ruhig, welcher Sessel zu Körper, Wohnung und Kasse passt – für Senioren und für ihre Kinder, die mit aussuchen. Eigene Tests machen wir nicht, und das sagen wir offen.
- Herstellerdaten & Gesetzestexte ausgewertet
- Quellen auf jeder Seite
- Keine eigenen Tests – offen gesagt
- Anbieterangaben im Impressum